Vom 11. bis 22.April 2026 war die 52.Mediterranfahrt fällig und wie seit Jahrzehnten führte diese in die Ägäis. Meine beiden Reisebegleiter sind seit vielen Jahren Peter Goop aus Vaduz und Günter Stadler aus Frastanz (Vorarlberg), wobei sich Letzterer der Pflanzenwelt und besonders den Orchideenarten widmet.

Gefragt sind eher kleine Inseln, die man in rund zehn Tagen ausreichend naturkundlich erkunden kann. Sie sind meist auch touristisch nicht überlaufen und hier erlebt man noch das echte Griechenland. Mein besonderes Interesse gilt den Amphibien und Reptilien und dort den beiden Sumpfschildkröten (Emys orbicularis und Mauremys rivulata), die in Feuchtgebieten leben. Auf Chalki wurde 2017 eine Kaspische Bachschildkröte gefunden, verbunden mit der Frage „einheimisch oder eingeführt“ (Grano & Cattaneo 2017). Dies wollte ich klären.

Für die Exkursion des Jahres 2026 haben wir auch noch Zeit für die grosse Insel Rhodos (1401 km2) reserviert. Ich wollte mich dort einem möglichen Vorkommen der Europäischen Sumpfschildkröte widmen. Deren Vorkommen schien mir hier möglich, obwohl sie dort bisher noch nicht nachgewiesen wurde. Zwischen Chalki und Rhodos liegt die kleine, unbewohnte Insel Alimia (7.4 km2), die wir auch besuchen wollten, da es dort eine Lagune gibt. Damit standen 2026 drei Inseln auf dem Programm. Insgesamt haben wir bisher rund 60 griechische Inseln besucht.

Erster Eindruck zum Übertourismus auf Rhodos

Zum zweiten Mal in 52 Exkursionen war die Benutzung einer Chartermaschine (Edelweiss) möglich, da die Insel Rhodos in Sichtweite der anatolischen Küste jahreszeitlich früh auf dem Flugplan steht. Die angepeilte Insel Chalki konnte nicht mehr am gleichen Tag erreicht werden, was zu einer Übernachtung in Rhodos Stadt führte. Die Fahrt vom Flughafen zur Altstadt beträgt 15 Kilometer und war ein Alptraum. Der Übertourismus macht sich hier in seiner vollen Hektik bemerkbar. Die ganze Strecke ist verbaut, mit riesigen Mietautolagern (Rent a car), Gewerbebetrieben aller Art und grässlichen monumentalen Hotelanlagen ausgestattet. Jegliche Raumordnung scheint zu fehlen, Lieblosigkeit hat System.

Wie wohltuend dann der Kontrast in der historischen Altstadt, die von 12 bis 14 Meter dicken und über vier Kilometer langen Stadtmauern umgeben ist. Im Boutique Hotel Cava d`Oro nahe der Stadtmauer verbrachten wir die Nacht, um am nächsten Morgen früh um sieben Uhr mit dem grossen Fährschiff „Blue Ferris“ nach Chalki zu wechseln. Dort landeten wir um ca. neun Uhr am orthodoxen Ostersonntag, entlang der Hafenfront wurden auf dem Grill Osterlämmer gedreht.

Chalki – felsig, trocken und weitgehend autofrei

Die Insel Chalki (37 km2) ist nur sechs Kilometer von Rhodos entfernt. Der Rhodoshafen in Kamiros Skala ist seinerseits acht km entfernt, nach Rhodos Stadt sind es 61 km. Von Rhodos Stadt fährt man der Westküste von Rhodos entlang, passiert die Hotelhochhäuser von Ixia, den geschäftigen Flughafen und eine ungezähmte geschäftige Häuserfront.

Auf Chalki leben seinerseits nur 300 bis 400 Leute, wohl noch weniger im Winter, und dies in der einzigen kompakten Ortschaft Emporio. Das Dorfleben scheint trotz der geringen Einwohnerzahl gut organisiert. Die Volksschule präsentiert sich frisch renoviert und es gibt eine medizinische Station mit einem ständig anwesenden Arzt.

Chalki ist eine stille Insel. Sie wird auch „Klein-Symi“ genannt, weil sich das Ortsbild wie auf der Schwesterinsel Symi durch klassizistische Architektur aus dem 19. Jahrhundert auszeichnet. Die Häuser sind zwei- bis dreistöckig, mit Dreiergiebel und Ziegeldach ausgestattet und mit kleinen Balkonen versehen. Sanfte, vielfarbige Pastelltöne der Fassaden mit den roten Dachziegeln umrahmen den Hafen. Mittendrin finden sich zwei Türme, ein Kirch- und ein Uhrturm. Das pompöse Rathaus soll wie der Uhrturm ein Geschenk einst ausgewanderter Chalkier an ihre Heimatinsel sein.

Alles konzentriert sich in Chalki auf die Hafenfront von vielleicht 250 Metern. Dort gibt es zwei Kolonialläden und zwei Souvenirshops in einer Seitengasse, einen Bankomaten, aber keine Bank, keinen Juwelier wie zahlreich in Rhodos-Stadt, dafür einige Tavernen und Bars. Über dem Ort thronen die Reste dreier Windmühlen auf einem Bergkamm, daneben steht ein militärischer Observationsposten. Dahinter findet sich ein Heliport und ein “Sustainable Interactive Park of Chalki“, gemäss blauer Tafel mit Kosten von 2.5 Millionen aus EU-Geldern finanziert, mit Bestimmtheit eine Fehlinvestition.

Über die Insel führt eine breite, mit doppeltem Mittelstreifen und Lichtreflektoren versehene Strasse von Emporio zum Kloster Agios Ioannis. Ihr Name „Boulevard Tarpon Springs“ deutet es an: Sie soll durch eine grosszügige Spende einiger nach Tarpon Springs in Florida ausgewanderter Chalkier finanziert worden sein, obwohl es auf der ganzen Strecke von fast acht Kilometern keine ganzjährig bewohnten Häuser gibt und im Kloster selbst eine Schäferfamilie nur zeitweise wohnt.

Chalki wird wie Symi vor allem von Tagestouristen aus Rhodos besucht. Am Abend ist es dann ruhig. In einem der oberen Häuser der Ortschaft waren unsere Appartements mit Blick über den Ort und den Hafen. Diese war über 130 Treppen (!) vom Hafen aus zu erreichen. Chalki lebte einst von der Schwammtaucherei – ähnlich wie Symi und Kalymnos – was wirtschaftlichen Aufschwung mit sich brachte. Als 1922 die Italiener die Insel besetzten, war diese grosse Zeit schon vorbei, und eine Abwanderung nach Rhodos und in die Vereinigten Staaten, vor allem nach Florida, setzte ein. Der frühere Hauptort Chorio, in den Bergen versteckt, wurde nach dem Ende des Piratentums ab 1830 zunehmend zugunsten des Hafenortes verlassen. Das verlassene Chorio präsentiert sich heute mit seiner Johanniter-Burg als Wahrzeichen, ist aber auch ein „Lost place“ mit noch erhaltenen Kirchenbauten nebst den vielen Wohnbau-Ruinen. Auf der Insel gibt es kaum Autos. Das Strassennetz umfasst nur 15 km und man kann keine Autos oder Mopeds mieten. Wohin sollte man auch ausserhalb der einzigen Siedlung hinfahren? In der verkarsteten, kahlen und felsigen Gebirgswelt, die bis knapp 600 m über Meer reicht, gedeiht heute eine Phrygana (trockenheitsangepasste Strauchvegetation).

Ich staune, wie gross eine nur 37 km2 grosse Insel für Wanderungen sein kann. Fast ans andere Inselende führt in 8 km die Strasse ins Kloster Agios Ioannis. Im Klosterareal steht eine mächtige Zypresse. Um das Kloster zu erreichen, durchquert man nach dem aufgelassenen Chorio ein äussert trockenes Gebiet mit zahlreichen Spuren früherer landwirtschaftlicher Nutzung. Vor allem die Muldenlagen sind mit zahlreichen Steinmauern übersäht. In kleinen runden oder ovalen Steinwall-Einheiten wurde das Kleinvieh ferngehalten und einst Getreide und Gemüse angepflanzt. Sie sehen im heutigen aufgelassenen Aspekt wie „Landart“ aus. Spuren von Drescheplätzen, alten Zisternen, Terrassen und Ruinen alter Siedlungen zeigen, dass die Insel einst fast vollständig landwirtschaftlich genutzt war. Es ist von einst 6- bis 8000 Einwohnern die Rede. Dafür brauchte es ein ausgeklügeltes Wasserrückhaltesystem. Das wurde mit Zisternen ermöglicht, die das Winterwasser auffangen.

Heute werden nur mehr wenige Olivenhaine genutzt, das übrige Land liegt wie gesagt brach. Das verkarstete Land wird nun von einigen tausend Ziegen und Schafen genutzt. Wem gehören diese oder sind sie gar verwildert? Sie zeigen sich jedenfalls recht scheu. Die wenigen Einwohner von Chalki leben heute vom bescheidenen Tourismus und auch noch vom Fischfang.

Was anschauen auf der Insel? Ich meine, es sind drei Dinge. Erstens die freundliche Kulisse von Emporio mit seinen Tavernen am Hafen. Für den Tourismus werden verfallene Häuser wieder als Appartements restauriert. Neben Emporio gilt das Interesse dem verlassenen Chorio mit dem Johanniter-Kastell. In Chorio ist auch eine Taverne für den Besuch für die Sommerzeit angesiedelt. Die dritte im Bund ist das schon erwähnte Kloster Agios Ioannis, das man auch mit dem einzigen Inseltaxi erreichen kann. Grosszügige Sandstrände wie auf Rhodos sind kein Besuchsgrund, weil es solche kaum gibt. Der kleine Sandstrand mit Taverne von Potamos mit 70 Meter Länge und 15 bis 20 Minuten vom Ort entfernt und der noch weiter entfernte in der Kaniabucht bietet nur bescheidene Bademöglichkeiten. In Kania befindet sich auch eine Schiffstankstelle und eine Entsalzungsanlage, die mit reichlich Solarpanelen energetisch versorgt wird.

Für Chalki gibt es eine Landkarte im Massstab 1:20 000 (www.anavasi.gr, erschienen 2014). Sie macht auf ihrer Rückseite fünf Wandervorschläge. Diesen ist allerdings nicht zu trauen. Das Stichwort lautet: the path is unclear. Wir versuchten denn auch mehrfach vergeblich, den Empfehlungen zu folgen. Die Pfade sind nicht markiert und kaum unterhalten. Das ist schade, finden sich doch auf den Kartenangaben vielfache Hinweise auf frühere Nutzungsformen. Auch sind viele Kirchen und Kapellen über die ganze Insel verteilt, welche zum Teil noch alte Fresken beinhalten. Unsere Einstiegsversuche endeten jeweils in der felsigen „Pampa“.

Zur Herpetofauna von Chalki

Auf Chalki sind bisher sieben Reptilienarten nachgewiesen, Amphibien gibt es wegen der grossen Trockenheit keine. Es sind dies die beiden Geckoarten mit dem Mittelmeer-Gecko (Hemidactylus turcicus) und Kotschy`s Gecko (Mediodactylus kotschyi). Letzterer findet sich zahlreich in den vielen Steinmauern und in der Phrygana. Auch der kräftige Hardun (Laudakia stellio) ist auf den vielen Steinmauern omnipräsent. Er wird von den Einheimischen „Krokus“ genannt. Auch die kleine Johannisechse (Ablepharus kitaibelli) – eine Skinkart – ist mit ihren kurzen Füssen verbreitet. Die Spitzkopfeidechse (Anatololacerta pelasgiana) – sonst im Dodekanes weit verbreitet – wurde erst in einer Publikation des Jahres 2026 erwähnt (Tzoras & Jablonski 2026). Es soll sich nach Meinung der Autoren um eine jüngst eingeschleppte Art handeln, da frühere die Insel besuchende Herpetologen (Buttle 1995, Cattaneo 2020) sie nicht vorfanden, obwohl sie leicht zu entdecken ist. Sie kommt jetzt vor allem um die Ortschaft Emporio vor. Wir fanden diese Art allerdings bereits auch in der Inselmitte beim Kloster San Angela (Moni Taxiarchis). Das ist rund 4 km von Emporio entfernt. Das würde auf eine rasche Ausbreitung hinweisen, wie wir dies von den Mauereidechsen im Alpenrheintal auch kennen.

Wir hatten während unseres Aufenthaltes wenig Wetterglück. Es regnete zwar nur einen Tag, aber es war meist kühl, kaum je über 18 Grad warm und mit dem Meltemi windig. So wurde einzig von meinem Kollegen Günter Stadler eine juvenile Pfeilnatter (Dolychophis jugularis) oberhalb Emporio bei den Windmühlen unter einem Stein gefunden. Die auf der Insel mit nur einem Nachweis bestimmte Leopardennatter (Zamenis situla) fanden wir nicht (Grano & Cattaneo 2015). Wir hofften, weitere Schlangenarten zu finden, wobei wir von Einheimischen zahlreiche Hinweise erhielten. Das Vorkommen einer Giftschlange wurde hingegen verneint. Grano & Cattaneo (2017) fanden in der Bucht von Dhio Ghiali am 17. August 2017 eine tote Kaspische Bachschildkröte (Mauremys rivulata). Sie fragten sich, ob dies eine hier heimische oder eingeführte Art sei. Ich meine, diese Frage kann hier beantwortet werden. Diese Schildkrötenart wird manchmal bei Starkniederschlägen vor allem im Winterhalbjahr aus Flusssystemen ins Meer ausgeschwemmt. Sie kann über längere Zeit im Salzwasser überleben und auch längere Distanzen zurücklegen. Auf Chalki dürfte sie also angeschwemmt worden sein, zum Beispiel von Anatolien her, wo sie auf Chalki allerdings keinen geeigneten Lebensraum fand und hier einging. Auf dieser Insel gibt es entlang der 34 km langen Küstenlinie keinen geeigneten Lebensraum.

Mit Nicolas Fragkakis im Costa Café fanden wir einen Naturinteressierten, der unsere Exkursionen mit Interesse verfolgte. Er berichtete auch von eigenen Schlangenbeobachtungen. Eine Schilderung fand mein besonderes Interesse. Er sprach von einer mehrfachen Beobachtung einer Schlangenart im Bereich der Bucht von Kania. Er nannte diese Boa und beschrieb sie als ungiftig, relativ kurz und dick. Das würde zur Sandboa (Eryx jaculus) passen, die allerdings auf der viel grösseren Insel Rhodos nicht nachgewiesen ist. Ich besuchte den fraglichen Standort zweimal ohne eine Schlangenbegegnung. Der Monat April ist für Schlangenbeobachtungen nicht besonders günstig. Die Terminwahl ist jeweils ein Kompromiss zwischen den botanischen und zoologischen Anliegen.

Der Besuch von Alimia

Auf Anhieb klappte dieser Inselbesuch nicht. Die nur 6.5 km2 grosse Insel zwischen Chalki und Rhodos wird im Sommer mit Ausflugsbooten von Chalki aus besucht. Die höchste Erhebung auf der Kalkinsel beträgt 274 müM. Im Frühling läuft noch nichts. Erste Nachfragen waren ergebnislos, bis eine Verantwortliche für Fährtickets uns behilflich war und einen Fischer fand, der uns hinüber brachte. Wegen zu starkem Wellengang gab es nochmals eine Verschiebung, aber am 15. April war es dann soweit. Das Fischerboot tuckerte in Dreiviertelstunden in die tiefe Ormos Amelia-Bucht der Insel Alimia. Bei der Einfahrt sah man zerfallende Kasernenbauten. Sie stammen aus der Zeit der italienischen und später deutschen Besatzung im 2. Weltkrieg, wo diese Bucht auch als U-Boot-Versteck diente. Am Innenrand der Bucht erreichten wir die instandgehaltene Kirche Agios Georgius mit einem zerfallenden Weiler in nächster Umgebung. Die letzten drei Familien sollen anfangs der 1970er Jahre die Insel ohne Stromanschluss verlassen haben. Das Eiland wird nur mehr durch Kleinvieh beweidet.

Nahe der erwähnten Kirche findet sich hinter einem Sandstrand eine Lagune mit Brackwasser. Sie ist im WWF-Inventar der Feuchtgebiete auf griechischen Inseln verzeichnet. Ausser einem Flussuferläufer sah ich hier keine Lebewesen. Ich sah die Ankündigung „footpath 1300 m“ bis zur Johanniter-Burgruine. Der Pfad war bald nicht mehr erkennbar. Ich kämpfte mich schweisstriefend über die Geröllhalde hoch und wurde mit einem herrlichen Ausblick belohnt. Aber die hier angedrohten Schlangen sah ich nicht. Es verblieb beim Kotschyi-Gecko, dem Hardun und der Spitzkopfeidechse. Ich hoffte, den herpetologischen Bericht von Grano et al. (2015) erweitern zu können, da hier noch weitere Schlangenarten vermutet werden. Auch hier gilt der Eindruck, dass sechs Quadratkilometer sehr gross sein können. Ein nur kurzer Besuch erweist sich als nicht ausreichend.

Zurück auf Rhodos

Wie das Video (https://youtu.be/MfKKr-VfrUM) zeigt, ist das Anlanden der Fähre bereits mit Windstärke Beaufort 5 im Rhodoshafen Kamiros Skala recht schwierig.

Am 18.4.2026 nahmen wir die Personenfähre zum kleinen Hafenort Kamiros Skala, die in der Saison Chalki mehrmals mit Rhodos verbindet. Dieser kleine Hafenort hat eine Mole, die dem Wind ausgesetzt ist. Bei Beaufort 5, also einer frischen Brise, mit ca. 35 km Windstärke, war das Anlanden sehr schwierig. Der Landesteg des Schiffes schlug mehrfach heftig auf die Mole. Das Aus- und Einsteigen gestaltete sich so schwierig.

Peter Goop hatte ein Taxi bestellt, das ihn zum Flughafen führte, um dort ein Mietauto zu beschaffen. Nach seiner Rückkehr querten wir die Insel, um die Appartements in einem ehemaligen Fischerdorf in Charaki nahe Lindos an der Ostküste zu beziehen. Wir streiften bei der Überfahrt das Massiv des Profitis Ilias, umrahmt von der Kalabrischen Kiefer (Pinus brutia). Es ist das bleibende Verdienst der Italiener, dass sie hier weiträumig das Bergmassiv aufgeforstet haben. Die topografische Anavasi-Karte im Massstab 1: 75 000 hatte ihre Tücken, indem sie angab, dass wir dieses Massiv auf einer Schotterstrasse von der Ostküste aus erreichen können. Die Abzweigung war nicht beschildert und entpuppte sich als Feldweg, und das auf einem Verlauf von 15 Kilometern. Hinauf zum 798 müM hohen Profitis Ilias gab es dann eine gut ausgebaute Asphaltstrasse.

Auf 780 müM. findet sich das imposante Hotel Elafos, benannt nach dem Damwild. Es wurde 1929 als Erholungsheim für italienische Offiziere gebaut. Es eignete sich für eine Kaffeepause. Im Nahbereich gibt es ein Geisterhaus, die Villa de Vicchi, benannt nach dem damaligen italienischen Gouverneur. Es sollte dem italienischen König Viktor Emanuel III und Benito Mussolini als Ferienresidenz dienen. Zumindest Mussolini soll nie dort gewesen sein. Heute ist es zur Ruine verkommen. Am westlichen Rand des Massivs stiessen wir nochmals auf Überbleibsel aus dieser Zeit. An einer kuriosen Piazza in Elousa standen rundherum exzentrische Gebäude, so ein ehemaliger italienischer Gouverneurspalast. Er wurde später als Sanatorium benutzt und heute verfällt er zusammen mit den Nebengebäuden. In einem der Gebäude hat die Feuerwehr Station bezogen. Diese ist hier sehr bedeutsam. Zehntausende von Menschen mussten im Jahre 2023 ihre Häuser verlassen. Die riesigen Waldbrandflächen sind gut erkennbar. Sie reichen bis ans Meer vor die Tore des touristisch bedeutsamen Lindos. Sie machen ein Siebtel der Oberfläche von Rhodos aus. Das sind rund betroffene 150 km2, also fast die Fläche Liechtensteins.

Nahe dem ehemaligen Gouverneurspalast, bergauf in Richtung Profitis Ilias, trifft man auf ein kreisrundes, ebenfalls von den Italienern errichtetes Becken mit einem Durchmesser von 30 Metern. Dieses wurde mit EU-Mitteln restauriert und ist Teil eines Rettungsprogramms für den vom Aussterben bedrohten Gizanifisch. Diese endemische, nur 5 cm grosse Fischart soll nur in wenigen Bergbächen auf der Insel vorkommen. Wir sahen zumindest unter vielen Goldfischen kleinere dunkle Fische – vielleicht dieser Art. Ein Unterwasserfotograf nahm sich jedenfalls dieser Fischart während unseres Besuches an. Im Brunnen lebten auch drei exotische Süsswasserschildkröten, denen kein terrestrischer Sonnenplatz gegönnt wird.

Für die kommenden Tage wollte ich mir die Mündungsbereiche der Flüsse ansehen. Ihnen wird meist im Hinterland ein breites Bett zugestanden, das allerdings im April kaum mehr Wasser führt. Der Mündungsbereich wird hingegen häufig mit Dämmen eingeengt. Hier wird häufig der Sand für touristische Zwecke entnommen. So unterbleibt die sonst auf vielen Inseln zu beobachtende Strandwallbildung. Dieser Verschluss findet bei nachlassender Wasserführung aus den Fliessgewässern statt, wo sich das Süsswasser zurückstaut. So können sich saisonale stehende Gewässer mit reicher Tier- und Pflanzenwelt bilden. Ich besuchte gemäss den Protokollen des WWF-Inventars der Feuchtgebiete der griechischen Inseln einige dieser Mündungsbereiche. Ich war über den heutigen Zustand erschüttert. Diese sind meist zerstört und präsentieren sich als Aktionsort für Baggerunternehmen. Ich gab schliesslich resigniert mein Ziel der Suche nach geeigneten Biotopen für die Europäische Sumpfschildkröte auf. Wir konzentrierten unsere Fahrten auf den weniger vom Tourismus tangierten Süden der Insel und auf den Besuch einiger Sehenswürdigkeiten.

Bei diesen Fahrten begegneten uns ausgedehnte Wälder. Das bergige Innenland ist meist bewaldet und dürfte ein Viertel der Insel ausmachen. Es ist von Nadelholz dominiert, vor allem die Kalabrische Kiefer (Pinus brutia) und die Aleppokiefer (Pinus halepensis). Laubholz findet sich mit den beiden Eichen, der Steineiche (Quercus ilex) und der Kermeseiche (Quercus coccifera). Ich erkannte auch den Orientalischen Amberbaum (Liquidamber orientalis). Häufig fand sich auch die invasive Mimose, die Silberakazie (Accacia dealbata), die auch im April noch blühte. In den Wäldern trafen wir zweimal auf Damwild. Es soll hier seit der Steinzeit vorkommen und stand kurz vor der Ausrottung. Heute bevölkern tausende Tiere den Wald. Die Wälder wirkten stark aufgeräumt. Es fehlt ihnen häufig eine Unter- und Mittelschicht. Auch sind diese Wälder nicht sehr alt. Wie kommt es zu diesem Waldaspekt? Ist es das hier präsente Kleinvieh mit Ziegen und Schafen, ist es das Damwild? Auch die Frage der heutigen Waldgrenze scheint mir ungeklärt. Der mit 1215 müM höchste Berg von Rhodos, Attavyros, ist waldfrei. Die natürliche Waldgrenze müsste ja wesentlich höher liegen. Warum sind aber die Gipfel über 800-1000 Meter Meereshöhe dennoch waldfrei? Dies dürfte mit der Sommerhitze, der Trockenheit, dem Wind und auch einer Überweidung zusammenhängen.

Bäume sind auch ausserhalb des Waldareals in Form der Olivenbäume präsent. Man spricht von über einer Million Olivenbäumen auf Rhodos. Alte Bäume trafen wir auf dem Weg von Charaki zum grossen Stausee Gadouras Reservoir noch in der Talebene an. Das war beeindruckend, ich gestehe ich bin ein Dickbaumfetischist.

Besuch einiger Sehenswürdigkeiten

Die vier Rhodostage nutzten wir für den Besuch einiger Sehenswürdigkeiten, was mit Hilfe des informativen Rhodosführers des Michael Müller Verlag gut gelang.

Lindos

Lindos mit der trutzigen Johanniterburg und am Fuss das Konglomerat der kubischen Architektur der Ortschaft wird von 1.5 Millionen Touristen besucht. Das ist keine abgeschiedene Idylle. Unzählige Läden, Cafes, Bars und Tavernen reihen sich im Labyrinth der engen Gassen aneinander. Die Menschenmassen bewegen sich im Sommer dann in Richtung Akropolis. Wir hatten das Glück, Lindos noch in der Nebensaison und gegen Sonnenuntergang zu besuchen. Vorbei an einem über zwei Jahrtausende alten in die Felswand gemeisselten Schiffsrelief gelangt man über viele Stiegen durch die mächtige Johanniterburg zur antiken Tempelterrasse. Einiges ist hier restauriert, Säulenformationen wieder aufgerichtet. Im Zentrum steht der Athene-Tempel 166 Meter über Meer. In der Saison soll man diesen Standort auch mit dem Eselritt wie auf Santorini erreichen können. Was meint hierzu der Tierschutz? Das Dorf mit seinen 1500 Einwohnern wird durch keinen hässlichen Betonbau beeinträchtigt: Idylle pur im Ensemble. Es finden sich Patrizierhäuser mit pittoresken Innenhöfen, sie stehen unter Denkmalschutz. Lindos ist ein teures Pflaster, der Rummel im Sommer muss riesig sein. Wir fanden im April am Abend ein Restaurant, wo wir die einzigen Gäste waren.

Kamiros

Ein weiterer Besuchstag galt den Ausgrabungen von Kamiros an der Westküste. An einem sanften Hügel finden sich die Reste einer Stadt, deren Glanzzeit 2600 Jahre zurück liegt. Die Grundrisse der Stadtviertel mit ihren Gebäuden sind noch gut zu erkennen. Ein Erdbeben 142 n.Chr. soll alles dem Erdboden gleichgemacht haben. Erst in den 1930er Jahren hat ein italienischer Archäologe diese antike Stadt wieder entdeckt. Zum Vorschein kam eine hellenistische Stadt, deren Architektur von der römischen Kolonisation wenig berührt wurde. Hier galt im Gegensatz zur Handelsmetropole von Lindos eher der ländliche Charakter mit Öl, Wein und Feigen. Die idyllische Lage am Hang macht den besonderen Charme auf drei Ebenen aus. Es beginnt mit den öffentlichen Gebäuden, dann dem eigentlichen Siedlungsgebiet und auf dem Gipfelplateau die Akropolis. Dort soll eine 200 Meter lange Säulenhalle unter dem Begriff der Stoa gestanden haben. Es findet sich hier auch eine ausgeklügelte Wasserversorgung, die mit einer 600 m3 umfassenden Zisterne etabliert ist.

Agios Nikolaos Fountoukli

Im Profitis Ilias-Massiv habe ich schon über den italienischen Gouverneurspalast in Eleousa berichtet. Folgt man in Eleousa der Strasse zum Profitis Ilias, so stösst man nach vier Kilometern auf ein kirchliches Idyll namens Agios Nikolaos Fountoukli. Es ist inmitten des Pinienwaldes eine gut erhaltene byzantinische Kirche mit besonders reizvollen Fresken. Die mittlerweile 500jährigen Wandmalereien sind stark verwittert. Ein byzantinischer Verwaltungsbeamter im Purpurmantel des kaiserlichen Beamten hat die Kirche zur Erinnerung an ein früh verstorbenes Kind erbauen lassen. Das Ehepaar ist an den beiden Seiten der Türe mit einem Modell der Kirche in den Händen haltend verewigt. Die Bauform der Kirche ähnelt einem Kruzifix und auch der uralte Baumbestand ist eindrucksvoll, so mit einem riesigen Feigenbaum im umzäunten Teil.

Kirche Maria Entschlafung in Asklipio

Abseits der Küstenstrassen in einer verlassenen Hügellandschaft liegt der Ort Asklipio. Die meisten Besucher kommen wegen der am Ortseingang gelegenen Kirche Maria Entschlafung (Kimissi tis Theotokou). Entschlafung steht für Einschlafen und ist am 15. August das Fest des Todes Marias und Auffahrt in den Himmel. Die Kirche stammt vermutlich aus dem 11. Jahrhundert. Neben der Kirche wurde in einem Priestergebäude aus dem 19. Jahrhundert ein kleines, sehenswertes Museum mit Ikonen, kirchlichen Gegenständen und Büchern ausgestellt. Auch Asklipio besitzt oberhalb des Dorfes eine Johanniterburg. Der Grundriss der Bilderbuchkirche entspricht einem christlichen Kreuz. Sie ist übersäht mit Fresken aus dem 17. Jahrhundert. Es sind dies Darstellungen aus der Offenbarung des Johannes (Apokalypse). Die Fresken können wie ein Bilderbuch gelesen werden. In der Kuppel ist Christus Pantokrator von Engeln umgeben dargestellt.

Epta Piges – die sieben Quellen

Im Wald, knapp vier Kilometer von Kolimbia an der Ostküste entfernt, liegen die Sieben Quellen. Das ist ein beliebtes Ausflugsziel der Rhodier. Sie sind auch fester Bestandteil angebotener Inseltouren. In dem kleinen Tal stehen idyllisch mächtige Platanen und auf verschiedenen Ebenen finden sich Tische der Taverne. Gleich hinter dem Biergarten liegen die Quellen. Aber bald hört die Gemütlichkeit auf. Die häufig mit Sandalen ausgestatteten BesucherInnen erleben Steilheit mit schwierigem Aufstieg. Das würde den mitteleuropäischen Anforderungen an Sicherheit nie genügen. Je weiter man vorstösst, desto schwieriger wird das Terrain. Der Besuch der hinteren Quellen ist nicht zu empfehlen. Unterhalb des Parkplatzes beim Restaurant stösst man auf einen Eingang im Berghang. Der 182 Meter lange, kaum mannshohe Tunnel kann mit einer Taschenlampe durchquert werden und am Ende des Tunnels öffnet sich ein kleiner Stausee, der früher der Bewässerung von Zitrusplantagen diente. Fliessendes Wasser ist in diesen Breiten ein seltenes Gut.

Rhodos-Altstadt

Den letzten Tag vor dem Abflug am Abend widmeten wir der Altstadt von Rhodos. Kein Wunder, dass es sich hier mit der über vier Kilometer langen Befestigungsanlage um ein UNESCO Welterbe handelt. Es trieft hier förmlich vor Geschichte. Man trifft hier Spuren der alten Griechen, Römer, Byzantiner, Ritter, Türken oder der italienischen Faschisten. Die Stadt wurde trotz dem beeindruckenden Bollwerk 1522 von den Türken eingenommen. In der Altstadt findet man ein türkisches, jüdisches und ein Ritterviertel. 5000 Einwohner leben noch im mittelalterlichen Gassengewirr, während die Neustadt 50‘000 Bewohner hat. Wir besuchten den Grossmeisterpalast, erst von den Italienern nachgebaut, er beherbergt sehenswerte Mosaiken aus dem Dodekanes. Das archäologische Museum befindet sich in einem früheren Ordenskrankenhaus der Johanniter. Auffällig sind einige Platias, die von starken Bäumen überdacht werden. Die Promotoren, die in ihre Lokale locken wollen, können als lästig empfunden werden.

Schluss

Auf dieser Exkursion erlebten wir Kontraste im Tourismus. Während auf Chalki eine Bauordnung zu greifen scheint, ist auf Rhodos vieles aus dem Ruder gelaufen. Rhodos ist wie Santorini und Mykonos durch Übertourismus gekennzeichnet. Die Ostküste ist von Rhodos-Stadt bis Lindos landschaftlich massiv beeinträchtigt, ein Abbild des Übertourismus. Die Vielfalt der traditionellen Kulturlandschaft ist hier massiv beeinträchtigt. Alles, was mit Strand und Sand zu tun hat, ist hart betroffen. Das sind vor allem die Mündungsbereiche der Fliessgewässer, die umgestaltet werden, womit der Lebensraum der Feuchtgebiete zerstört wird. Es mangelt hier offensichtlich an Umweltbewusstsein.

Auch handelt es sich um Dumpingpreise. Wenn eine Woche „all inclusive“ mit Flug für knapp 800 Euro direkt am Naturschutzgebiet angeboten wird, stimmt etwas nicht in diesem verderblichen Konkurrenzkampf. Griechenland will wegen des Massentourismus Massnahmen ergreifen. Nach Angaben der griechischen Zentralbank kamen im Jahr 2025 fast 38 Millionen Touristen nach Griechenland. Besonders Inseln wie Santorini, Mykonos, Kos und Rhodos gelten in der Hochsaison als überfüllt. Sie sollen nun strengere Bauvorschriften erhalten. Dort sollen neue Hotels künftig höchstens 100 Betten haben, wobei Hotels ausser offizieller Baugebiete aber immer noch auf grossen Grundstücken entstehen dürfen. Bewohner klagen seit Jahren über Verkehrschaos, steigende Mieten und eine überlastete Infrastruktur. Die griechische Regierung beabsichtigt, ihre 16‘000 lange Küstenlinie geeigneter zu schützen und versucht, die überbordende Infrastruktur einzubremsen und gewisse Buchten freizuhalten, und illegale Bauten sollen entfernt werden, wie dies auf Gavdos kürzlich geschah. Es sollen 251 Strände reguliert werden, gewisse Strände sollen gesperrt werden. Der Druck auf die Küsten ist enorm. Im Dezember 2025 warnten die Bürgermeister der Kykladen und des Dodekanes: der Übertourismus gefährde die Existenz der Eilande.

Herpetologische Quellen

Buttle, D. (1995): Herpetological Notes on the Dodecanes Islands of Chalki ans Symi, Greece. British Herpetological Bulletin, No. 52, PP. 33-37.

Cattaneo, A. (2009): L`ofidiofauna delle isole egee di Halki e Tilos (Dodecaneso) con segnalazione di un nuovo fenotipo di Dolichophis jugularis (Linnaeus). Naturalista sicil., S.IV, XXXIII (1-2), 2009, pp.131-147.

Grano, M. & Cattaneo, C. (2017): The Balkan Terrapin Mauremys  rivulata (Valenciennes in Bory de Saint-Vincent, 1833) (Testudines Geoemydidae) in the Aegean island of Chalki: native or introduced?, Biodiversity Journal, 8(3): 851-854.

Grano, M. & Cattaneo, C. (2015): First record of Zamenis situla (Linnaues, 1758) (Reptilia Serpentes) fort he Aegean Island of Chalki (Dodecanes, Greece). Naturalista sicil., S. IV, XXXIX, 2015, pp. 375-381.

Grqano, M.; Cattaneo, C.; Cattaneo, A. (2015): First observation on the herpetological and theriological fauna of Alimia Island (Rhodes Archipelago, Aegean Sea). Biodiversity Journal, 2015, 6 (1), pp. 73-78.

Tzoras., E. & Jablonski, D. (2026): Human-mediated dispersals in the Aegean region: the case of Anatotolacerta pelasgiana on Chalki Island (Greece: Dodecanes), Acta Herpetol. 21. DOI: 10.36253/a_h-19819.

Mario F. Broggi, 7.5.2026