« Vous avez la montre, et nous avons le temps »
(sagte mir ein Mann einst in Mauretanien)

Die Griechen hatten zwei Begriffe für die Zeit: Chronos, also die Sekunden, Minuten und Stunden, die wir auf der Uhr abbilden, und Kairos. Sie bezeichnet die qualitative Zeit, mit dem rechten Augenblick und der günstigen Gelegenheit. Chronos «frisst» uns auf, Kairos sollten wir beim Schopf packen. Auf griechischen Inseln ohne viel Tourismus ist es noch möglich, sich eher zeitlos zu fühlen.

Diesen einen Richtungspfeil scheinen wir zu verpassen. Das Leben rast vorbei. Es geht um Fortschritt bei der Devise des modernen Menschen, und der schnellste Weg zum Ziel ist der kürzeste, also der geradlinigste. Und so gestalten wir unsere Mitwelt.

Die Natur kennt solches Geradlinige kaum. Dies ist mir in der Natur nur einmal bei geologischen Schichten über eine gewisse Distanz aufgefallen. Die Natur sucht den Weg der Variation und des Unvorhersehbaren. Variation lässt Raum für Innovation, ist und gibt Würze für das Leben. Das Unvorhergesehene ermöglicht ein Maximum an Optionen. Das steckt im Wildnisgedanken. Ein Regenwald ist kein ordentlicher Wald. Was hat die Evolution in einem «ordentlichen» Wald an neuem Leben hervorgebracht? Ein ordentlicher Wald ist zwar ordentlich, was uns Menschen entspricht, aber auch etwas langweilig. Ich denke an den dunklen Stangenwald, auch Forst genannt. Ein tropischer Wald kann unmenschlich, aber freundlich für das Leben sein. Mein Schluss lautet, wir müssen vermehrt freie Dynamik in der Natur erlauben, für die Evolution, für ein Leben, aus dem der Mensch hervorgegangen ist.

NB Ich habe mich mit diesen Zeilen von Dirk Draulans: «Im Dschungel. Afrika, Affen und andere Leidenschaften», Beck 2001, inspirieren lassen. Gleichzeitig versuche ich, mein Votum für Wildnis als Naturschutzziel in seinen Facetten zu erläutern.

Mario F. Broggi, 12.5.2026

Alte Bäume schaffen eine Atmosphäre, in der die Zeit stillzustehen scheint, und zeugen von Beständigkeit in einer schnelllebigen Zeit.