Laudatio vom 31. März 2026 in der Buchhandlung Nievergelt, Zürich-Oerlikon.

Andreas und ich hatten in unserer Jugend etwas gemeinsam. Es war der Basler Zolli, Andreas wirkte dort früh in der Pflege mit, für mich war der Zolli – als Inhaber eines Jugend-Jahresabonnements für fünf Franken – mein Schul-Umweg vom Gundeldinger Quartier ins Gymnasium.

Dem 17 jährigen Andreas Moser begegnete ich erstmals im Jahre 1973, weil ich Gutachter seiner Arbeit über Amphibien und Reptilien im Tessin war, die in Schweizer Jugend forscht als „hervorragend“ beurteilt wurde und auf europäischer Ebene den zweiten Preis erhielt. Wir begegneten uns dann später wieder beim Schweizer Fernsehen mit zuerst MTW Mensch, Technik, Wissenschaft und dann in seiner langjährigen Sendung Netz Natur. Dort sind mir seine Videos über den Wolf in den Südalpen in bleibender Erinnerung geblieben, weil ich mich dort, vor allem im Nationalpark Val Grande, heimisch fühle.

Ich gestehe, ich bin noch nie einem Wolf in freier Wildbahn begegnet, ich sah bisher nur seine Spuren inkl. Losung. Es war dennoch die Tierart, die mich zeitlich wohl am meisten beschäftigte. Ich las früh über die russischen Wolfserfahrungen via DDR-Literatur, ebenso über die Studien nach den Aussetzungen im Yellowstone-Nationalpark.

Mit ein Grund für mein Interesse dürften die sozialen Verwandtschaften von Mensch und Wolf sein. Die Unterschiede sind viel kleiner, als wir uns allenfalls überheblich einzureden versuchen. Tiere und Menschen sind ein untrennbarer Teil der Natur, in welcher wir gemeinsam eingebettet sind. Für fast jede Aktivität eines Lebewesens gibt es lebenserhaltende, genetisch fixierte Muster. Rassen wie bei den Hunden können durch Mutationen maximal variieren, im Sozialverhalten aber eher geringfügig. Von unseren tierischen Vorfahren haben wir als Erbmasse bewährte Verhaltensweisen geerbt, insbesondere solche, welche für das Zusammenleben in der sozialen Gruppe eine überlebenssichernde Bedeutung haben. Ein Fallbeispiel sozialen Zusammenlebens zeigt das Wolfsrudel. Für Wölfe ist es überlebenswichtig, dass eine funktionierende Gruppendynamik ständig gewährleistet wird. Ich habe den Eindruck, dass die Wölfe im Soziallleben die besseren Menschen sind. Und hierin liegt meine Faszination für den Wolf.

Und so kommen wir zum vorliegenden Wolfsbuch. Ich verfolgte die mediale Landschaft zum Thema Wolf seit zwei Jahrzehnten, wo es kaum einen Tag ohne Mitteilung gibt, seien sie noch so banal bis irreführend. Vom Strassentod des Menschen über die Staatsgrenzen hinaus erfahren wir nichts, aber dass ein Wolf irgendwo in Deutschland einen Hirsch gerissen habe schon. So letzte Woche in Liechtenstein mit einem Hirschriss nahe der Siedlung geschehen. Anderswo spaziert er am heiterhellen Tag durch ein Dorf und kommt gar an einem Kindergarten vorbei. Grauslig sind seine Eingriffe in häufig unbewachte Schafherden. Man hatte sich in der Alpwirtschaft in den letzten 150 Jahren auf seine Abwesenheit eingestellt und schaute einmal in der Woche nach dem Rechten.

So wurde er wieder zum bösen Wolf des Rotkäppchens. Seine ökologische Rolle, im Zusammenspiel mit Grossherbivoren, tritt in den Hintergrund. Politik übernahm die mediale Beachtung, verlangt ultimativ Abschüsse, ja sogar wolfsfreie Zonen. In Bundesbern wird die Anzahl erlaubter Rudel definiert, jenseits wildbiologischer Erkenntnisse. Differenzierte Einordnungen haben kein Oberwasser im laufenden Medien-Tsunami. Es bleibt beim begrenzten Blick. Festgefasste Meinungen dominieren. Albert Einstein meinte einst, es sei schwieriger, eine gefasste Meinung zu zertrümmern als ein Atom.

Mit der akut bleibenden Thematik der Wolfseinwanderung wächst auch der Büchertisch rund um den Wolf. Und jetzt kommt ein weiteres dazu. Ich meine: gut, dass es so viele Bücher gibt. Das erlaubt es, den Mehrwert dieses heutigen Buches zu erkennen. In dieser Recherche wird auf 400 Seiten in leicht verständlicher Sprache das Verhältnis Mensch – Wolf auch via Hund dargelegt. Die Fähigkeit von Andreas Moser zur Kommunikation, die sonst weniger den Naturwissenschaftern zugeordnet wird, ist wertvoll. Dies gilt auch für die von ihm dargelegten Grenzüberschreitungen von der Natur- zur Geisteswissenschaft. Sein Blick zurück beginnt weit vor der Steinzeit. Die Jahrtausende alten Erfahrungen mit dem Wolf mit allen Hintergründen werden ausgeleuchtet. Und dies in einer Gesamtschau der Dinge bis zu neuesten naturwissenschaftlichen Erkenntnissen der Epigenetik, die mir persönlich unbekannt waren.

Andreas Moser hat sich mit Akribie in die Recherche reingekniet, ja selbst mit gesundheitlicher Gefährdung seiner selbst. Dies, um den umfangreichen Stoff an Erkenntnissen zu bewältigen und zu bündeln. Und täglich kommt neues Material dazu. Dabei werden von ihm Fakten und Quellen sauber aufgeführt. Wissenschaft braucht Freiheit, Universalität und Austausch und Wissen verpflichtet. Das ist nicht mehr überall gewährleistet. Naturforschung muss versuchen, Ökosysteme und ihre Funktionalität zu verstehen. Diesem Credo ist Andreas Moser verpflichtet. Ich erlebte es mit unserem regelmässigen Meldungs- und Meinungsaustausch als wahre Via dolorosa.

Die Bündelung dieser Erkenntnisse war eine riesige Herausforderung und wird auch mit diesem Werk nicht sein Ende finden, weil immer neues Wissen dazustösst. Das ruft dann nach Teil zwei.

Das offene Ende führte zum nachträglich beigefügten Epilog. Ein umfangreiches  Literaturverzeichnis mag die Fülle an Informationen und Hinweise andeuten. Eine solche Gesamtschau über den Wolf in Beziehung zum Menschen gab es meines Wissens noch nie. Damit wird diese Arbeit zum Unikat. Ich wünsche mir dafür die nötige Lesebereitschaft, auch über unsere Sprachgrenze hinaus. Möge dieses Wissen mithelfen, eine emotionale Entspannung zum Wohl der biologischen Vielfalt zu erlauben.

Man sagt, wo Information richtig fliesst, entstehe ein kreativer Strom. Den wünsche ich mir.

Mario F. Broggi