Polarwölfe im Zoo Salzburg (Foto: Armando Broggi).

Der Mythos, schrieb einst der französische Essayist Roland Barthes, sei über die Wirklichkeit erhaben. Ja, er immunisiere sich fortwährend gegen Einwände der Realität (DER SPIEGEL 13/2012: Freunde der Verschwörung).

Mythen sind traditionelle Erzählungen

Mythen sind traditionelle Erzählungen, die oft versuchen, die Welt, die Natur oder das Verhalten von Menschen zu erklären. Mythen sind von Natur aus weder gut noch schlecht; sie erfüllen offensichtlich tiefere menschliche Bedürfnisse. Sie können sinnstiftend sein, den Gemeinsinn fördern und moralische Vorstellungen transportieren. Moderne Mythen können aber auch wissenschaftliche Fakten verdrängen und zu Fehlentscheiden führen. Sie können missbraucht werden, um Feindbilder aufzubauen, Vorurteile zu schüren oder politische Ideologien zu rechtfertigen. Mythen können zu starren Dogmen werden und kritisches Denken blockieren.

Mythen sind mir in starker Dimension in der Alpwirtschaft begegnet. Ich möchte mich damit noch eingehender beschäftigen. Wir können dabei den positiven Klang des Mythos für eine Zukunft der Alpwirtschaft nutzen. Hier möchte ich mich mit dem Mythos Wolf beschäftigen, der keinen so guten Klang besitzt. Gibt es zu viele Wölfe? Wie konkret ist die Gefahr für Menschen? Was ist zu tun? Ich möchte versuchen, die Mythen und den Alarmismus einzuordnen und Lösungswege aufzuzeigen.

Im neuen Wolfsbuch – „Wölfe – sind sie uns zu nah? – eine Recherche zum Wesen von Wölfen, Hunden und Menschen“ von Dr. Andreas Moser – sind Mythen mit Bezug zur Natur sehr präsent. Sie erweisen sich als erstaunlich resistent gegenüber fundierten Gegenargumenten. Aussagen zum Mythos begegnete ich in einem Beitrag des Verhaltensforschers Prof.Dr. Kotschral aus Wien im Magazin des österreichischen Naturschutzbundes. Ich stütze mich nachfolgend auf diese beiden Quellen. Dort zeigt sich, dass alles komplexer und weniger gradlinig ist, als es für eine einfache Meinungsbildung günstig wäre. Es braucht die profunde Erklärung der komplexen Fakten, sonst bleibt man auf derselben Ebene der „Meinungen“, die auch eine Ausrottung der Wölfe propagieren. Quellen für nachprüfbare Fakten braucht es, damit Argumente Bestand haben. Darum ist die Lektüre des Werkes von Andreas Moser mit den jeweiligen nachprüfbaren Quellen so bedeutsam. Genau so wichtig ist es, Gegenargumente zur Kenntnis zu nehmen.

Uralte Mythen ranken sich um die Beziehungen zwischen Wölfen und Menschen. Einige sind besonders grauslig, wie diejenige über den Werwolf. Der Wolf steht für Angst und Wildnis, und so für Bedrohung. Gelegentliche Sichtungen in der Nähe von Häusern heizen diese an. Als Konkurrenten menschlichen Wirtschaftens werden Wildtiere schnell zum Ziel von negativen Mythen. Das fixe Bild, dass Menschen oder zumindest Nutztiere durch den Wolf existentiell bedroht werden, hält sich hartnäckig. So wird in Kreisen der Alpenpolitik im Sog der Verbandsoberen der Landwirtschaft die Meinung vertreten, man müsse Wölfe „jagdlich regulieren“, um per Abschuss Weidetiere zu schützen und den gefährlichen Wolf scheu zu halten. Man behauptet, teils lernresistent, dass der Herdenschutz weder möglich noch wirksam sei, der Wolf wird als Totengräber der Alpwirtschaft bezeichnet. Die Mythen, politisch instrumentalisiert, schlagen gesichertes Wissen um Längen. Fakten bleiben chancenlos und sind gegen eine Aufklärung von aussen unzugänglich. Bisherige Haltensweisen werden mit Zähnen und Klauen verteidigt, auch wenn sie erst 150 Jahre nach Ausrottung des Wolfes möglich waren. Es gab auch im Alpenbogen ein Zusammenleben mit Wölfen, wie wir dies aus dem Apennin, den Karpaten und dem Kaukasus kennen. Aber von den dortigen Erfahrungen will man hier anscheinend wenig wissen. Ein Erfahrungsaustausch wäre aber wertvoll.

Fakten zu Wolfsrissen und die Gefährlichkeit des Wolfes

Und nun zu einigen Fakten. Ein Beispiel, dass objektive Zahlen gegenüber faktenwidrigen Erzählungen bedeutungslos werden, lässt sich in der Grössenordnung der Wolfsrisse auf Alpen zeigen. Gemäss von Andreas Moser erhobenen Daten können in der Schweiz nur 2 Prozent aller jährlich verendeten Schafe dem Wolfsriss zugeordnet werden (siehe S. 193 seines Werkes). Danach sterben jährlich um die 50‘000 Schafe in der ganz normalen Haltung. Wie ist der grosse Überrest an unspezifischen Todesfällen zu erklären? Dazu hört man kaum etwas, während jeder Wolfsriss als Meldung durch die Medien eilt. Der Wolfsbestand in Europa wird auf 25‘000 Tiere bei heute hohen Wildbeständen geschätzt. Angriffe durch Wölfe bleiben ein extrem seltenes Phänomen, in den letzten Jahrzehnten ist in Europa kein einziger Todesfall eines Menschen durch Wolfsangriffe belegt, hingegen sind solche jährlich auf den Alpen durch Rinder bekannt. Trotzdem reichen die gegebenen Wolfsrisse für eine rigorose Abschusspraxis aus, die in harten Gesetzen festgeschrieben wird. Das Augenmerk wäre aber auf eine wirksame Prävention zu richten, wie wir noch sehen werden, und diese wird auch abgegolten.

Eine vergebliche Mühe mit Abschüssen

Dabei erhöhen massive Abschüsse oft die Reproduktion, die Wölfe kompensieren dies. Es ist vergebliche Mühe bei enormem Aufwand. Es entsteht zudem in der Zeit des Abschusses vom 1. September bis 31. Januar ein permanenter Jagdstress. Gravierend ist dabei, dass durch die Zerstörung der Sozialstruktur – wenn die erfahrenen Eltern durch unbedachte Regulierung abgeschossen werden – die Jungen nicht mehr in der Familie sozialisiert werden. Jungwölfe lernen nicht mehr, wie man sich in Gemeinschaft benimmt, wie man miteinander umgeht, wo Gefahren lauern und wie erfolgreich gejagt wird. Wenn jungen Wölfen diese Lern- und Erziehungsphase in der stabilen Familie fehlt, ist zu befürchten, dass sie zu „Flegelwölfen“ werden. Der Hunger lehrt sie dann, ohne Rudel von ungeschützten Nutztieren zu leben. Sie lernen dann auch, wie man in Siedlungen ans Futter kommt.

Die Zahl von Wölfen erzählt nur einen Teil ihrer Geschichte. Wölfe sind territoriale Tiere, sie leben in Rudeln und dulden in ihrem Gebiet keine anderen Wölfe. Dadurch wächst ihre Zahl vor Ort nicht explosionsartig. Stattdessen werden neue freie Flächen besiedelt. Der Sachverhalt, dass viele Probleme erst durch unsachgemässe Regulierungsversuche überhaupt entstehen, interessiert nicht. Solches dringt auch nicht bis in die Köpfe und Emotionen an den Stammtischrunden. Dabei sind Ärgernis und Besorgtheit der Betroffenen durchaus verständlich und ernst zu nehmen, hatten sie doch mehr als ein Jahrhundert mit diesem Phänomen nichts zu tun.

Ein Entscheid des Bundesrates, dass im ganzen Land nur zwölf Wolfsfamilien als Minimalbestand eine Daseinsberechtigung haben und dies für den Artenschutz genüge, widerspricht den biologischen Erkenntnissen. Wenn dieser nationale Schwellenwert überschritten wird, soll ein präventiver Eingriff erfolgen. Die Zahl zwölf ist politisch willkürlich gewählt und kommt dem Anliegen der Ausrottung entgegen, auch wenn man sich hütet, dies so auszudrücken. Es werden nun proaktiv Regulationskampagnen durchgeführt, die im praktizierten Ausmass wissenschaftlich zu hinterfragen sind.

2024/25 wurden in der Schweiz 99 Wölfe geschossen und 2025/26 waren es deren 81. Das Bundesparlament behandelte in den letzten Jahren 240 parlamentarische Vorstösse (!) zum Wolf. Eine Herabstufung des Wolfsschutzes ist eine politische Entscheidung, ausgelöst durch starken Druck von Agrarlobbys, auf EU-Ebene wie in der Schweiz. Mit einer Kaskade von Jagdgesetz-Novellen sollen mögliche Referenden ausgetrickst werden. Gemäss der jetzt laufenden Vernehmlassung zur Änderung des Jagdgesetzes soll nun zusätzlich auch in Jagdbanngebieten und während der Aufzucht geschossen werden. Solche Vorstösse ohne angepasste Sachkenntnisse erfreuen sich grosser Beliebtheit. Die weit verbreitete Vorstellung, man müsse Wölfe wie Hirsche oder Wildschweine regulieren, ist verbreitet und schlägt in der Politik durch. Es scheint so, dass fachlich einst unabhängige Wildtierbehörden zu einem Vollzugsorgan einer konservativ dominierten Alpenpolitik werden, ihr Sachverstand ist nicht gefragt. Vom 1. September bis zum 31. Januar dürfen die Kantone bei unauffälligen Rudeln diese zumindest zur Hälfte regulieren. Das sind Abschussmöglichkeiten ohne Faktenbasis. Ein ganzes Rudel darf eliminiert werden, wenn es wiederholt Schäden an Nutztieren erzeugt. Schadensabschüsse von Einzelwölfen können unabhängig von der Jahreszeit erfolgen.

Alternativen zum Abschuss

Ein paar wenige Rudel und möglichst weit verteilt, reichen nicht aus, um den Bestand zu halten, den man in einer internationalen Konvention festgelegt hatte. Dazu braucht es Wolfspopulationen mit genetischem Austausch. Damit vermeiden wir bei Wölfen kritische Inzucht, wie wir dies beim Luchs kennen. Eine unsachgemässe Regulierung und die Abschüsse ganzer Wolfsrudel kann zu mehr Schäden führen und auch zu tatsächlich problematisch werdenden Wölfen führen. Dies wird von der Politik negiert. Ebenso wird negiert, dass eine gute Behirtung und der Herdenschutz – konsequent umgesetzt – die Risszahlen auf tiefem Niveau stabilisiert. Durch ausgebauten Herdenschutz (Zäune, Hunde, Pferche) und einige gerechtfertigte gezielte Abschüsse haben sich die Risszahlen im Alpsommer 2026 zum Vorjahr mehr als halbiert. Die überwiegende Mehrheit der Risse fanden zudem in unbewachten Herden statt.

Mit der Forderung nach intelligenten Lösungen statt Abschiessen stellt man sich vor allem im ländlichen Raum ausserhalb der eigenen Gruppe. Ein Wolfsabschuss sollte das letzte Mittel darstellen. Heute wird hingegen wie erwähnt ein proaktiver Abschuss ausgeübt.

In der Jagdsaison 2026/27 dürfen beispielsweise im Kanton Graubünden zwölf Wolfsrudel proaktiv reguliert werden. Das heisst, es dürfen dort bis zu zwei Drittel der Jungtiere geschossen werden. Bei weiteren vier Rudeln werden bei noch nachzuweisendem Nachwuchs ebenfalls Abschüsse bewilligt. Eine allfällige Welpenregulation ist etwas, das emotional bewegt. Es wäre wohl aus wissenschaftlicher Sicht der schonendmöglichste Eingriff für Wölfe. Bei einem Rudel in Mittelbünden beantragte der Kanton wegen identifizierten Rissen eine vollständige Erlegung, was bewilligt wurde. Im Kanton Graubünden wurden im Jahr 2025 35 Wölfe geschossen, 89 waren es im ganzen Land.

Ein besseres Verstehen des Verhaltens von Wölfen ist nötig

Ein sicheres Zusammenleben mit dem Wolf entsteht nicht durch eine generelle Bejagung, sondern durch wissenschaftlich fundierte Information, konsequentes Wildtiermanagement, Herdenschutz und einen vertrauensvollen Umgang des Menschen mit den Regulatoren. Vorbeugende Massnahmen sind deutlich wirksamer als jede Abschussstrategie. Wissen über die Art, jenseits von Mythen und Vorurteilen, ist noch immer begrenzt, bleibt aber der einzige Weg zu einer tragfähigen Lösung, meint der italienische Wolfsforscher Luigi Boitani (in Euronews Roma vom 14.9.2026).

Kaum ein Wildtier löst so viele Emotionen aus wie der Wolf. Der Wolf wird mit Vorschriften, Regulierung und politischen Debatten bedacht. Verkürzte Behauptungen und polemische Anklagen werden derzeit eher belohnt und scheinen bessere Botschaften zu sein als wissenschaftliche Belege und Begründungen. Und je weniger direkte Erfahrung, desto wilder die Argumentationen. Wer das Verhalten der Wölfe versteht, kann eher damit umgehen. Die Hoffnung liegt bei innovativen Vorbildern aus der Landwirtschaft, der Politik, der Jagd, die erkennen, dass Gewalt kein nachhaltiges Zusammenleben mit Wildtieren ermöglicht. Von deren Erfahrungen können wir profitieren. Und selbstverständlich darf sich der Rechtsstaat auch nicht selbst aufgeben. Das Zusammenleben auf diesem Planeten erfordert gegenseitigen Respekt für alle beteiligten Lebewesen. Respekt vor den Eigenheiten der Anderen, die man dazu kennenlernen muss, wie sie wirklich sind.

Ich meine, forsche Formulierungen, provokative Äusserungen und Schuldzuweisungen werden uns nicht weiterbringen. Wir befinden uns in einem Prozess, der den Dialog verlangt. Ich meine, die Wissenschaft sollte in diesem Zusammenhang mit Fakten mehr Beachtung finden. Ich möchte mit meinen hier dargelegten Gedanken zwar Fehlentwicklungen aufzeigen, aber mit meinen Aussagen nicht neue Mythen beflügeln.

Mario F. Broggi, 21.9.2026

Quellen

Kotschral, K. (2026): Ist Wissen gegen Mythen chancenlos, Natur&land, 112, 3: 24-25.

Moser, A. (2026): Wölfe – sind sie uns zu nah? Hier und jetzt, Verlag für Kultur und Geschichte, 486 S.