
Ich habe Robert Schloeth in der zweiten Hälfte der 1970er-Jahre kennengelernt. Wir trafen uns vermutlich erstmals an einer Naturschutztagung, genau weiss ich es nicht mehr. Als Nationalparkdirektor im Engadin wurde er zur Teilnahme in der „Gruppe Oekologie“ in München eingeladen, die 1972 gegründet wurde. Dem prominenten Kreis gehörten Wissenschafter wie der Nobelpreisträger Konrad Lorenz, Bernhard Grizmek, Irenäus Eibl-Eibesfeld, Wolfgang Haber und Otto König an. Dabei waren auch der Journalist Horst Stern und der erste Nationalparkdirektor des Bayerischen Waldes, Hans Bibelriether. Die Initiative für diese Institution stammte von Hubert Weinzierl, Vorsitzender des Bundes Naturschutz in Bayern. Als junger „Pfipf“ schloss ich mich spät dieser Institution an. Robert Schloeth hatte mich zu diesen Treffen mitgenommen. Die „Gruppe Oekologie“ verfasste das „Ökologische Manifest“ und verteilte es millionenfach. Es war dies ein Meilenstein der frühen Natur- und Umweltschutzbewegung. Gegen Ende der 1970er-Jahre wurde diese Initiative durch andere Institutionen ersetzt.

Mein zweiter Kontakt mit Robert Schloeth ergab sich mit dem Kennenlernen von Vertretern von „Bundesbern“, dem damaligen Eidg. Oberforstinspektorat mit seiner Sektion Natur- und Heimatschutz. Ich lernte den Leiter Dr. Theo Hunziker beim Europarat in Strassburg kennen, wo ich seit dem Europäischen Naturschutzjahr 1970 inoffiziell Liechtenstein vertrat. Theo Hunziker nahm Kenntnis von meinen Bemühungen, Naturschutz kommunikativ mit Hilfe von Lehrpfaden der Bevölkerung näher zu bringen. So konnte ich in der Gemeinde Mauren in Liechtenstein den ersten Tafel-Lehrpfad 1971 verwirklichen. Wir arbeiteten mit Aluminiumtafeln, wobei die Texte und Illustrationen vandalensicher eingepresst wurden. Theo Hunziker fand die Idee auch für den Nationalpark von Interesse, während Röbi Schloeth weniger begeistert war, machte aber auch keine Opposition. Er hatte im Park ein eher kritisches Verhältnis zu den Forschenden, aber auch zu den Besuchern. Der Park war für ihn ein Heiligtum, Besucher und Forschende waren überspitzt gesagt „Eindringlinge“.
Das Heiligtum des Parkes in seiner Unberührtheit äusserte sich beispielhaft in einer kleinen Episode. Es musste an einem markierten Pfad ein querliegender Baum in Richtung Val Cluozza entfernt werden. Schloeth beauftragte die Parkwächter, dies als fast ungeschehen darzustellen, indem der umgesägte Baumstumpf mit Tarnfarbe angemalt wurde musste. Dieser menschliche Eingriff sollte nicht auffallen.
Zur Tafelgestaltung ergaben sich viele Diskussionsstunden. Sie sollten möglichst unauffällig in der Landschaft platziert werden. Wir benutzten hierfür Lärchenrundholz und liessen für die Tafellänge den vorderen Teil entfernen und fixierten die Aluplatten drauf. Oberhalb der Waldgrenze kürzten wird das System, damit es weniger auffiel. Die Tafeln erhielten einen kurzen Text und eine Illustration, die von meinem Freund und Grafiker Louis Jäger aus Liechtenstein gestaltet wurden. Wir benutzten die vier Landessprachen und in der einschlägigen Broschüre führten wir noch zusätzlich Englisch an. Der Lehrpfad im Bereich Stabelchod wurde im Jahre 1978 eingeweiht (in Klammern muss ich gestehen, dass ich später auf eine weitere „Möblierung“ der Landschaft verzichtete, weil immer mehr Tafeln für viele Zwecke benutzt wurden, so auch für „Lehrpfade ab der Stange“ ohne Bezug zur Landschaft).



Bei einem der Parkbesuche traf ich Professor Andrej Bannikow, einen prominenten russischen Zoologen und damals IUCN-Vizepräsident, bekannt für seinen Einsatz für das Przewalski-Wildpferd. Wir kamen ins Gespräch, woraus sich anschliessend sein unvorhergesehener Liechtenstein-Besuch ergab. Er lud uns noch in Zernez zu einem Gegenbesuch in seinem Gasthof ein und bewirtete uns mit Lachs, Kaviar, Wodka und Cognac. Dabei gestand mir Röbi Schloeth, dass er noch nie in diesem Gasthaus gewesen sei. Der Eidgenössische Jagdinspektor Hansjörg Blankenhorn meinte in einem Portrait über Robert Schloeth, er sei nie im „sozialen Biotop Engadin“ angekommen. Er blieb als Parkdirektor der Aussenseiter in Zernez, was für seine Frau Elisabeth und seine drei Nachkommen nicht zutraf. Das führte zu meinem Gedanken, dass ein Parkdirektor eher Psychologe als Biologe sein sollte.

Robert Schloeth gestand mir, dass für ihn die Winter im Engadin zu lange seien. Er flüchtete dann gerne nach Südfrankreich, wo er sich vorher einige Jahre am Institut Tour du Valat in der Camargue bei Dr. Luc Hoffmann mit dem Sozialverhalten der Camargue-Rinder beschäftigte. Seine anschliessende Arbeit über das soziale Verhalten des Rotwildes sollte ihn in den Nationalpark im Engadin führen, was dann zum Amt des ersten Nationalparkdirektors führte. Bei einer seiner mediterranen „Fluchten“ durfte ich ihn begleiten. Wir schlossen uns am 10. Bis 26. Mai 1980 einer Exkursion der Schweizerischen Gesellschaft für Vogelkunde und Vogelschutz (ALA) nach Griechenland an, wo wir den Nordosten des Landes besuchten und uns auf der Inselkette der Nördlichen Sporaden mit dem Boot bis nach Piperi vorwagten. Dort besteht heute ein Meeres-Nationalpark und dort sahen wir die gefährdete Mönchsrobbe.
Robert Schloeth arrangierte sich trotz seinem Mediterran-Flair mit seiner Aufgabe im Park. Der Nationalpark wurde zu seiner Aufgabe und sein Territorium. Er blieb gerne distanziert und es brauchte etwas Zeit, einen Zugang zu ihm zu finden. Dann war er aber humorvoll, belesen, sehr kultiviert mit starkem Bezug zu „Philosophischem“ und ein aufmerksamer Naturbeobachter. Er konnte stundenlang die Wasserspitzmaus am Spöl beobachten, sich mit einem Ameisenhaufen beschäftigen oder in einem Buch die Lärche beschreiben. Sie war für ihn ein Mitgeschöpf und Baumpersönlichkeit.
Schloeth war auch ein begnadeter Zeichner. 1990 trat er nach 27 Jahren Nationalparkdirektion in den Ruhestand und zog sich wieder an seinen Geburtsort in Binningen bei Basel in die urbane Welt zurück. Dort beschäftigte er sich mit dem Wirken eines Vorfahren, dem Bildhauer und Urgrossonkel Ferdinand Schloeth (1818-1891). Röbi Schloeth bleibt für mich mit seinen Ecken und Kanten als eine starke Persönlichkeit in Erinnerung.
Quelle
Blankenhorn, H. & Rohner, J. (2017): Robert Schloeth (1927-2012) in: Erinnerungen an Pioniere des Schweizerischen Nationalparkes, Haupt Verlag, S.133-138.
Mario F. Broggi, 27.7.2026