Die Schweizer Alpen sind touristisch stark erschlossen, jedoch ist die Erschliessung ungleich verteilt. Ein Drittel der Landschaft in höheren Lagen ist wenig erschlossen.

Der Landschaftsschützer Hans Weiss (1940-2024) schrieb in der Nationalzeitung vom 13. Dezember 1975 (heute Basler Zeitung BaZ) ein frühes Plädoyer für die Erhaltung unberührter Gebirgsregionen am Beispiel der Hochebene der Greina (Graubünden). Die Greina-Hochebene im Übergang von Graubünden ins Tessin wurde zum Symbol für den Umgang mit wenig berührter alpiner Natur. In dieser Zeit war auf der Greina als einer der letzten wilden Hochebenen der Schweiz ein Wasserkraftwerk geplant. Dagegen wehrte sich eine Bürgerinitiative und es wurde im Jahre 1986 die Greina-Stiftung gegründet. Auf Umsetzung des Wasserkraftprojektes wurde Ende der 1980er Jahre verzichtet. Mit der Einführung des „Landschaftsrappens“ im Jahre 1995 wurde eine Ausgleichszahlung eingeführt, welche die Hoheitsgemeinden teilweise für den Wegfall des Wasserzinses entschädigte. Davon profitierten vorerst die Greina-Hoheitsgemeinden, dann weitere Gemeinden in Graubünden und im Wallis.

Gegen 2‘500 Bergbahnen erschliessen die Schweizer Alpen.

Die Greina wurde 1996 ins Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung aufgenommen und geschützt. Die grosse Symbolkraft für den Erhalt der unerschlossenen Hochebene Greina bleibt als „Kraftort“ und Schweizer „Naturheiligtum“ aufrecht. Wir brauchen allerdings noch mehr „Greinas“, so wie wir auch mehr als einen Nationalpark in der Schweiz benötigen. Aber die Akzeptanz für weitere „wilde Areale,“ als vom Menschen ungenutzte Räume ist nicht leicht zu schaffen. Die Gründe für den Bedarf wie auch ihre Ablehnung sind vielfältig und sollen kurz analysiert werden. Aus dem Pro und Contra werden einige Schlüsse für das weitere Vorgehen geschlossen. Es wird dabei auf eigene Erfahrungen beim Planungsprozess für ein grenzüberschreitendes Wildnisgebiet im Samina-Galinatal (Liechtenstein-Vorarlberg) zurückgegriffen.

Warum braucht es unerschlossene Wildnis?

Wildnis ist essenziell für den Erhalt der biologischen Vielfalt. Kurz gesagt dient sie als Rückzugsort für bedrohte Arten, speichert CO2, reguliert den Wasserhaushalt, schützt vor Hochwasser und bietet Naturerlebnis und Raum für die Forschung.

Die Hauptgründe für den Schutz der Wildnis lauten etwas ausführlicher:

  • Wildnis ist Lebensraum für Pflanzen und Tiere in ihren zugehörigen Ökosystemen. Das Naturschutzziel „Natur Natur sein lassen“ wurde in seiner Bedeutung mit der freien Dynamik spät erkannt und erweist sich für den Erhalt der biologischen Vielfalt gar als bedeutsamer als „Schützen durch Nutzen“. Viele Wildnisbewohner wie Moose, Flechten und Pilze sowie Wirbellose sind zudem weniger erforscht als die uns näherstehenden Wirbeltiere.
  • Wildnis bietet für die biologische Vielfalt Kernräume, die durch einen Biotopverbund zu sichern sind, wozu Wildnis als Trittsteine oder Korridore beitragen kann.
  • Wildnis erzeugt Klimaschutz und bietet Ökosystemdienstleistungen, wobei alte Wälder und auch Moore grosse Mengen an Kohlenstoff binden. Mit mehr Naturnähe wird auch die Anpassung von Arten erleichtert.
  • Unversiegelte Flächen können Regenwasser aufnehmen, was den Grundwasserspiegel nährt und vor Hochwasser schützt. Ohne Übernutzung durch Düngung bleibt die natürliche Fruchtbarkeit und Struktur des Bodens erhalten.
  • Wildnis besitzt psychologischen und ästhetischen Wert, weil ungenutzte Naturräume einen Kontrast zum hektischen Alltag und der physischen Regeneration bilden. Das blosse Wissen um deren Existenz hat für viele Menschen einen ideellen Wert.
  • Wildnisgebiete sind Freilandlabore, wo in ungenutzten Flächen untersucht werden kann, wie Naturprozesse ohne menschlichen Einfluss ablaufen.

Wildnis widerspricht verwurzelten kulturellen, psychologischen und ökonomischen Überlegungen

Der Wildnispark Sihlwald bei Zürich bietet Anschauungsunterricht für die freie Dynamik in der Waldentwicklung (Foto: Archiv Sihlwald).

Was ist Wildnis? Sie bezeichnet grossflächige, vom Menschen weitgehend unbeeinflusste Landschaften, in denen natürliche Prozesse ablaufen können. Diese Räume sind weitgehend unerschlossen, frei von Siedlungen und Infrastrukturen und damit wie erwähnt Rückzugsräume für die biologische Vielfalt. Hier kann sich ein Konflikt zwischen dem Wunsch nach Ordnung und dem Wert von natürlichen Prozessen auftun.

Was sind die Hauptgründe, warum Wildnis auf Ablehnung stossen kann?

  • Ein anthropozentrisches Weltbild verbindet sich mit dem Nutzungswunsch. Der Mensch ist darauf „programmiert“, seine Umwelt zu gestalten und zu nutzen. Wir sind schon sehr lange daran gewöhnt, in Kultur- und Zivilisationslandschaften zu leben. Ungenutzte Areale werden als „Verschwendung“ angesehen, da sie dann keinen direkten ökonomischen Nutzen bieten und keinen erkennbaren Zweck erfüllen. Unsere Kultur bevorzugte bisher „gepflegte“ Natur. Der Wert ökologischer Prozesse wird visuell als weniger attraktiv empfunden als die aufgeräumte Landschaft.
  • Die traditionelle Kulturlandschaft ist geprägt von ersichtlicher Pflege. Wildnis hingegen wirkt „ungeordnet“. In unserer Kultur wird „Natur“ erst dann positiv wahrgenommen, wenn sie gestaltet ist. Ungepflegtes ist mit einem Kontrollverlust verbunden, ist „verwahrlost“, was auch sprachlich deutlich ausgedrückt wird. Man spricht von Öd- oder Brachland, ertragslosem Land, von Verwaldung und Verunkrautung.
  • Natur ohne menschlichen Eingriff kann als bedrohlich wahrgenommen werden. Es gibt Angst vor dem Unbekannten, psychologisch kann „dichtes Gestrüpp“ mit Gefahr verbunden sein. Unübersichtlichkeit weckt Angst, zum Beispiel auch vor Wildtieren. Die „Broken-Windows“-Theorie besagt, dass sichtbare Anzeichen von Unordnung signalisieren, dass ein Gebiet unbewacht sei, was zu Vandalismus führe. Ein ungepflegtes Areal unterliegt keiner Kontrolle, gilt als Zeichen des Verfalls.
Der 86 ha grosse und mit 2100-2300 Meter über Meer höchst liegende Arvenwald Tamangur im Unterengadin ist ein Naturwaldreservat ohne weitere forstliche Nutzung. Das Ziel ist es, 10 Prozent der Schweizer Wälder als Waldreservate auszuweisen.

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass ungenutzte Areale oft als Abwesenheit von Kultur und Arbeit statt als Präsenz einer eigenen, wertvollen Form von Natur interpretiert werden. Darum kann der Begriff der Wildnis (wilderness) anecken. Wir erlebten Aspekte dieses Wandels bereits in unseren privaten Gärten mit dem englischem Zierrasen und exotischen Gehölzen versus die aufkommende Naturgartenidee. Der nicht aufgeräumte Wald wurde ebenso lange als Unordnung empfunden und erst allmählich wird die Bedeutung von Alt- und Totholz anerkannt. Mit alten Wäldern lernen wir, wie ein mitteleuropäischer Urwald überhaupt funktioniert, wie er auf den Klimawandel reagiert und mit Naturkatastrophen fertig wird. Das wird er ja, sonst hätten wir keine Wälder – siehe auch die Entwicklungen im Nationalpark Bayerischer Wald nach Borkenkäferbefall.

Wo stehen wir mit dem Wildnisgedanken?

Das Naturschutzziel „Wildnis“ ist immer noch weniger tragfähig als dasjenige für eine gepflegte Landschaft, obwohl die ökologische Forschung die freie Dynamik als sehr bedeutsam erachtet. Wir finden rechtlich ausgewiesene grossflächige Wildnis vor allem in den Kernzonen von Nationalparken, in kleinerem Ausmass meist in Waldreservaten. Nationalparkgründungen haben es aber in Mitteleuropa nicht leicht. Die Kandidaturen in der Schweiz mit Adula 2016 und Locarnese 2018 wurden in örtlichen Volksabstimmungen, obwohl von den Gemeinderäten und dem Kanton befürwortet, verworfen. Der psychologische Mechanismus, dass unkontrollierte Wildnis bedrohlich oder zumindest unordentlich empfunden wird und Nutzungsverbote befürchtet werden, schuf Nationalparkgegner.

Die Bedeutung von Alt- und Totholz für den Erhalt der biologischen Vielfalt wird zunehmend in breiten Kreisen erkannt.

Die 2007 erstellte Biodiversitätsstrategie der Bundesrepublik Deutschland gab sich ein konkretes Wildnisziel, indem sie den bisherigen Anteil an nicht bewirtschafteten Kernzonen in ihren 14 bestehenden Nationalparken von derzeit 0.6 % bis zum Jahr 2020 auf 2% der Staatsfläche ausbauen wollte. Das ist bisher nicht gelungen. Die Widerstände gegen Kernzonen sind in Kreisen der Wald- und Holzinteressen stark, da es hier häufig den Wald betrifft. Es wird dann auf nötige Holzimporte verwiesen, wobei in den Kernzonen der bisherigen Nationalparke nicht einmal ein Prozent der bundesweiten Holzvorräte stocken. Den 14 deutschen Nationalparks wird andererseits ein jährlicher Umsatz von 2.1 Milliarden Euro zugeordnet. Für strukturschwache Regionen können solche Grossschutzgebiete also durchaus wirtschaftliche Chancen bieten.

Während die Schweiz nur einen Nationalpark im Engadin besitzt und weitere Gründungen wie erwähnt scheiterten, wird hier die Bedeutung der Waldreservate zunehmend anerkannt. Die kantonale Forstdirektorenkonferenz beschloss im Jahre 2001, dass bis zum Jahr 2030 zehn Prozent Waldreservate auszuweisen seien, wobei es derzeit rund sechs Prozent sind. Auch in der weiteren Kategorie der Naturerlebnisparke von nationaler Bedeutung sind die Kernzonen nutzungsfrei zu gestalten. Der 1‘000 ha grosse Wildnispark Sihlwald bei Zürich ist über die Staatsgrenzen hinaus bekannt und mit seinem Informationszentrum ein Werbeträger für den Wildnisgedanken.

Mit den Kernzonen der sechs Nationalparke Österreichs wurden die in Deutschland angestrebten zwei Prozent Wildnis erreicht. Es wurden auch zwei Wildnisgebiete unter diesem Namen in Dürrenstein-Lassingtal (Niederösterreich-Steiermark) und in den Sulzbachtälern in Salzburg ausgewiesen und damit wird dieses Label bekannt gemacht.

Akzeptanzprobleme mit Konfliktmanagement angehen

Die Akzeptanzprobleme für den Erhalt oder Schaffung von Wildnis sind offensichtlich. „Natur Natur sein lassen“ ist als Naturschutzziel noch nicht in breiten Gesellschaftsschichten tragfähig gestaltet. Es braucht noch einiges an Kommunikation, um das Anliegen zu vermitteln. Viele Skeptiker sehen bei der Zielwildnis (Rewilding) die Schaffung einer „Pseudowildnis“, welche gar die vorhandene Artenvielfalt gefährde. Das kann im Einzelfall auf konkreten Parzellen zutreffen, in einer grösserräumigen Gesamtschau ist das Gegenteil der Fall. Die Biodiversität nimmt zu. Viele Förster meinen, erst ihre Arbeit habe den Wald zu einem wertvollen Lebensraum gemacht. Eine Aufgabe der Nutzung berge unkalkulierbare Risiken, so in deutschen Fachblättern zu lesen.

Im Samina-Galinatal – hier in Herbstaspekt im Saminatal – soll grenzüberschreitend in Liechtenstein und Vorarlberg ein Wildnisgebiet ausgewiesen werden (Foto: Josef Heeb).
Rüfedynamik im Saminatal (Foto: Josef Heeb).

Die umweltpsychologische Forschung liefert uns Hinweise, wie solche Akzeptanzprobleme zustande kommen. Als Erstes muss man sich ein Wildnisgebiet vorstellen können, also wie das in Zukunft aussehen wird. Das fällt uns Menschen schwer. Viele Betroffene befürchten, für einen eher diffusen und schwer abschätzbaren gesellschaftlichen Nutzen persönliche Nachteile oder unerwünschte Entwicklungen vor der eigenen Haustüre in Kauf nehmen zu müssen. Aus Angst vor Unbekanntem und einem Kontrollverlust will man lieber alles so lassen, wie es ist.

Ausser um die vertraute Landschaft fürchten Kritiker auch um lieb gewordene Traditionen, wie etwa Pilze sammeln, Fischen und Jagen und das soll allenfalls untersagt werden. Da ist ein Konfliktmanagement angesagt. Allfällige Bedenken sollen nicht als irrational abqualifiziert werden. Vielmehr gilt es, sämtliche wichtigen Akteure vor Ort in die Planungen einzubeziehen und zwar bevor irgendwelche Entscheidungen gefallen sind. Die Menschen mit fertigen Lösungen zu überfallen, die Experten aufbereitet haben, kann schlecht ankommen. Fragt man zuerst nach den Interessen und Befürchtungen der Betroffenen, können viele Bedenken bereits im Vorfeld ausgeräumt werden, vor allem, solange die Fronten noch nicht verhärtet sind. Albert Einstein meinte einst, es sei schwieriger, eine vorgefasste Meinung zu zertrümmern als ein Atom. Dann dauert es oft sehr lange, bis man die Leute aus festgefahrenen Positionen herausholen kann. Gründe für Vorschriften sind zu erklären, Kompromisse sind auszuhandeln. Das bedingt, dass man sich für die Gegenseite interessiert, den Dialog sucht.

Noch fehlende Instrumente für mehr Wildnis

Allfällige wirtschaftliche Chancen bei der Ausweisung von Nationalparken haben sich im Fall der beiden abgelehnten Nationalpark-Kandidaturen in der Schweiz als nicht tragfähig erwiesen. Ein Grund liegt darin, dass die Transferzahlungen in den ländlichen Raum im Vergleich zu anderen Staaten hoch sind. Mittel fliessen also auch ohne Schutzgebiete in den Alpenraum, vor allem im Landwirtschaftsbereich. Da nützte auch das Angebot der NGO Pro Natura nichts, die in ihrer Kampagne „Gründen wir einen Nationalpark“ ein Startkapital von einer Million Franken für einen weiteren Nationalpark zur Verfügung stellen wollte. Für die Ausweisung der Kernzone mit freier Naturentwicklung wurden von staatlicher Seite keinerlei Angebote unterbreitet. Das ist zu korrigieren. Würde man es versicherungstechnisch ausdrücken, so gibt es einen „Malus“, aber keinen „Bonus“. Es fehlen Instrumente für die Förderung von Wildnis. Jede Einschränkung von Aktivitäten wird als Beitrag zur Errichtung von „Indianerreservaten“ gedeutet, wo die Einheimischen nichts zu sagen haben. Da lässt sich Stimmung für ein NEIN leichter als für ein JA schaffen.

Für eine grossflächige freie Naturentwicklung braucht es einen Bonus, um eine örtliche Akzeptanz zu erreichen. Der Nutzungsverzicht in der Kernzone muss abgegolten werden. Wir kennen einen attraktiven Bonus in der Schweiz mit dem „Wasserzins“ bei der Wasserkraftnutzung. Es gäbe beispielsweise die Möglichkeit die CO2-Senken der Wälder hier abzugelten. Wenig verständlich ist, dass man dies im fernen Ausland sucht. Der Planungsperimeter sollte zudem bei künftigen Betrachtungen nicht zu eng gefasst werden, um allfällige regionalwirtschaftliche Betrachtungen ausserhalb der Kernzone und damit auch ausserhalb eines Schutzgebietes zu berücksichtigen. Zu Regionalentwicklungs-Konzepten gehören eigenständige Handlungsansätze mit vielschichtigen Differenzierungen zur Verbesserung der Lebensbedingungen für Menschen, mit dem Ziel der Belebung dörflicher Strukturen. Es sollen dies Orte für Experimente mit Einbezug gemeinschaftlicher, kultureller und gesellschaftlicher Dimension sein. Regionale Identität und die Attraktivität grossflächiger Schutzgebiete sollen zusammen förderlich sein. Erst wenn wir Angebote für Entwicklung unterbreiten können, akzeptiert die Bevölkerung auch Restriktionen, beispielweise ein Seitental aus der Nutzung zu entlassen.

Schluss

Mit der Ausweisung von Wildnisgebieten stehen wir in Mitteleuropa noch ganz am Anfang, während die über 800 in den USA ausgewiesenen Wildnisgebiete bereits fünf Prozent der Staatsfläche ausmachen (Wilderness Act 1964). Neue Forschungsergebnisse widersprechen der These, dass lieber kleine fragmentierte Gebiete geschützt werden sollen, anstatt ein Grosses. Im Alpenbogen gibt es noch wertvolle und kaum berührte Flächen. Das Wildnispotenzial in der Schweiz wurde mit 17 Prozent der Landesfläche bezeichnet (Moos et al. 2019). Die Bedeutung von Wildnis für die Erhaltung der biologischen Vielfalt wird zunehmend wahrgenommen. Halten wir fest, es fehlt noch an Kommunikation über die Bedeutung von Wildnis und Rewilding. Dazu braucht es im Sinne des Bonus eine entsprechende Abgeltung.

Quelle

Moos, S.; Radford, S.; von Atzigen, A.; Bauer, N.; Senn, J.; Kienast, F.; Kern, M.; Conradin, K. (2019): Das Potenzial von Wildnis in der Schweiz, Bristol Stiftung, Haupt Verlag Bern, 145 S.

Mario F. Broggi, 27.3.2026