Ein Tagebuch habe ich bisher noch nie geführt. Ich betreibe eine Homepage mit Beiträgen. Darin enthalten ist auch ein Kapitel zum Lago Maggiore und seiner Umgebung, weil ich dort seit 2006 eine Liegenschaft als Zweitwohnsitz besitze. Ich berichte dort von Wanderungen, so ins Gebiet des Nationalparkes Val Grande. Steile Wanderungen werden für mich seltener. Ich bin mehr im eigenen Garten anzutreffen. Nach 20 Jahren in Ponte (Cannero, Piemont) ist es Zeit, dort Geschehenes oder Gesehenes festzuhalten. Tagebuchschreiben ist ein effektives Werkzeug zur Selbstreflektion. Hier sollen vor allem Beobachtungen und Erlebnisse aus der Natur während meines Aufenthaltes in Cannero festgehalten werden.

3. bis 5. Juli 2026

• Das Wohnhaus ist seit April eingerüstet. Es findet ein Energieumbau vom fossilen Gas zur Solaranlage auf dem Dach und zusätzlichen Luftwärmepumpen mit Batterie statt. Die Hausfassade wird teils isoliert und neu gestrichen. Dafür braucht es verschiedene Handwerker, die sich nicht immer aufeinander abstimmen. Eigentlich hätte der Umbau bis Ende Juni fertig gestellt sein sollen, aber so sieht es derzeit nicht aus. So zieht sich die Sache hin.

• Bei der Einfahrt zum Grundstück begegnete mir am 4. Juni 2026 ein kleiner weisser Vogel. Albinos sind bei den Vögeln selten. Als Albinismus gilt, wenn der Vogel total weiss ist und seine Augen rot gefärbt sind. Wenn er weiss ist, aber die Augen braun gefärbt, spricht man von Leuzismus. Dies trifft man bei Amselmännchen an, so mehrfach in Vaduz gesehen. Sie weisen stellenweise weisse Federn auf, also ein Teil-Leuzismus. Die weissen Vögel haben einen Gendefekt, in dem ihnen das Pigment Melanin fehlt. Ihr Erscheinungsbild kann sie auffällig für Raubtiere machen, sie haben aber sonst im Alltag keinen Nachteil.

Bei meinem nächsten Besuch am 4. Juli war er noch immer rund ums Haus aktiv. Seine Vergesellschaftung mit weiteren seiner Art liess eine Artbestimmung zu. Es handelt sich um einen Hausrotschwanz, wobei eine Handyaufnahme gelang. Ein ganz besonderes Erlebnis!

• Hier noch ein weiteres „Piepmatz“-Erlebnis am gleichen Tag. Ich hatte ein Treffen im Café des Centro Eventi Maggiore am San Bernardino-Fluss in Verbania vereinbart. Der Bau des madrilenischen Architekten Salvador Perez Arroyo, den Flusssteinen nachgeahmt, gefällt mir gar nicht. Im seenahen Teil des Baues gibt es ein Café. Dort sind im Garten-Pavillon Vögel wie Spatzen und Tauben an Gäste gewöhnt und auf der Suche nach etwas Fressbarem. Wir kennen Ähnliches in Liechtenstein von den Alpendohlen auf dem Malbuner Sareis, wo sie so manches vom Tisch stibitzen. Die Verbano-Hausspatzen haben sich ihre eigene Originalität gesichert. Auf den Tischen gibt es kleine Behälter mit weissen und braunen Zuckertäschchen als Beigabe zum Café. Die dortigen Spatzen klauen die braunen Zuckertäschchen, fliegen mit ihnen weg und öffnen sie. Wie gesagt nur die Braunen mit dem braunen Zucker!

 •Die Sommernächte sind derzeit auf der Alpensüdseite Tropennächte. Man spricht von Tropennächten, wenn die Nachttemperatur nicht mehr unter 20 Grad Celsius fällt. Auf meiner grossen Haus-Terrasse sind diese Abende ruhige Augenblicke mit Seepanorama und Zeit für einen Vecchia Romagna, einem italienischen Cognac. Um 19.20 h fährt das letzte Passagierschiff der Navigazione Laghi von Luino über Cannero nach Verbania. Man könnte die Uhr danach richten. Auf der Terrasse war über viele Jahre das emsige Treiben der Hornissen zu beobachten, die unter dem Dachgiebel ein Nest haben. Hornissen sind im Gegensatz zu Wespen am Esstisch nie aufdringlich, sie lassen einen in Ruhe und wir sie. Dieses Jahr fällt mir aber auch hier eine absolute Stille auf. Die Hornissen sind wohl wegen des Umbaues abgezogen. Auch sonst bleibt es ruhig, es fehlt der Amselgesang. In der aufkommenden Dämmerung und auch später sehe ich erstmals keine einzige Fledermaus. Sie belebten sonst immer in mehreren Arten, Kleinere und Grössere, die abendliche Szenerie.

Auch fällt dieses Jahr der auffällige Brummer namens Hirschkäfer aus. Er navigiert lauthals, etwas schwerfällig und plumpst manchmal in die Hauswand. Im Garten sehe ich kaum mehr Tagfalter, dafür erstmals die unerwünschte asiatische Hornisse. Sie scheint nun auch am Lago Maggiore angelangt zu sein. Erfreulicher war dann am Sonntag, den 5. Juli 2026, die Sichtung einer Smaragdeidechse beim morgendlichen Spaziergang oberhalb meines Grundstückes in Or Ponte. Sie ist mir seit einiger Zeit nicht mehr auf meinem Grundstück begegnet. Dort dominieren die Mauereidechsen. Der Bau einer neuen Strasse vor zehn Jahren oberhalb des Hauses beeinträchtigt offensichtlich die früheren Schlangenbeobachtungen mit der Zorn- und Äskulapnatter.

• Die Tage sind für Wanderungen zu heiss. Darum folgt am Sonntag um sechs Uhr morgens ein Rundgang von Ponte über Cassino aufwärts nach Donego. Diese Gegend war bis zum 2. Weltkrieg weitgehend mit Weinbau auf Terrassen belegt und verwaldete dann allmählich. An einigen Stellen war die ursprüngliche Kulturlandschaft noch länger zu erkennen. In den vergangenen erlebten 20 Jahren änderte sich der Vegetationsaspekt. Und dieses Jahr wächst alles noch schneller. Es war jahreszeitlich früher warm und regelmässig benetzt: le piante crescono! Das gilt auch für die invasiven Pflanzenarten, die hier sehr zahlreich sind. Bedrohlich sieht die Situation am Nordrand des Weilers Donego aus, wo die Kletterpflanze Kudzu (Pueraria montana) walzenförmig in Richtung Ortschaft wächst und alles bis in die Baumschicht überwuchert. Auf der anderen Seite im Eingang der Frazione von Donego müssen die Autos parkiert werden und der Weiler wurde von vielen früheren Bewohnern verlassen. Die Häuser sind heute weitgehend in deutschen Händen und werden als Feriendomizil genutzt. Sie müssen nun ihre Liegenschaften gegen den Kudzu verteidigen. Kudzu ist eine japanische oder chinesische Kletterpflanze und wohl der aggressivste Neophyt (siehe mariobroggi.li/neophyten). Bald trifft es hier das historische Turmhaus. Dieses Gebäude geht auf eine befestigte Hofanlage gegen die berüchtigte Räuber- und Piratenfamilie „Mazzariti“ aus dem 15. Jahrhundert zurück.

• Ein Tessiner Forstkollege schenkte mir vor einigen Jahren drei Avocadopflänzchen. An seinem Standort am See in Ascona gedeihen sie gut und tragen Früchte. Sie sind inzwischen auch in meinem Garten prächtig gediehen.

Jedes Jahr zeigen sich die unscheinbaren kleinen zwittrigen Blüten, aber fruchten tun sie nicht. Sie sind meist steril. Letztes Jahr zeigten sich erstmals recht versteckt drei grüne und recht grosse Früchte. Sie sind unerklärlich verschwunden.

Dieses Jahr fand ich trotz Nachsuche auch nur eine einzige Frucht. Es wäre schön Avocados ernten zu können.

• Auf der Rückreise am 5.7.2026 wartet noch ein kurzes Innehalten im Schams (Val Schons) mit dem Besuch eines einzigartigen Juwels. Am Südende der Via Mala-Schlucht befindet sich Zillis (GR) mit der Kirche St. Martin. Sie ist für ihr Deckengemälde von anfangs des 12. Jahrhunderts bekannt. Auf 153 Bildtafeln werden viele Themen mit Fabelwesen und das Leben Christi abgebildet. Der Blick nach oben wird durch Spiegel erleichtert. Ich habe diese Kirche sicher schon ein halbes Dutzend Mal besucht und bin immer wieder von dieser romanischen Saalkirche beeindruckt.

6. bis 8. August 2026

Anfangs August 2026 folgte ein kurzer Abstecher nach Cannero, um unsere Tochter Martina und Enkelin Mia zu besuchen. In Cannero war es 35 Grad Celsius heiss. Das war keine Zeit für grösseres Erkunden oder Wandern. Trotzdem kann ich von drei Ereignissen berichten.

• Meine Tochter Martina schickte mir anfangs August eine Tier-Aufnahme, die ich als Mittelmeerstabschrecke (Bacillus rossius) bestimmte. Ich kannte dieses grosse Insekt von den Tropen und Subtropen. Reglos sass sie an der Fassade unseres Rusticos. Diese Gespenstschrecke war ca. 9 cm lang. Bereits ein einziges Tier kann sich durch Parthenogenese (Jungfernerzeugung) fortpflanzen und eine Population aufbauen. Ich habe am Lago Maggiore dieses Insekt noch nie gesehen, er soll die Nordgrenze ihres Verbreitungsgebietes bilden. Der Klimawandel macht sich auch so bemerkbar.

Erfreulich war auch die Beobachtung einer Smaragdeidechse im Nahbereich des Rustico, was seit Jahren ausgeblieben ist. Auf einem Wiesstück fand ich zudem den Teil einer jungen Äskulapnatter, also wieder einmal ein Hinweis auf eine Schlange auf dem Grundstück. Es ist wohl 15 Jahre her, dass ich eine mehr als 1.5 Meter lange Äskulapnatter vor dem Hauseingang sah, ein imposantes Tier.

• Mein Kollege Forstingenieur Gabriele Carraro wohnt in Ascona am Ufer des Lago Maggiore. Er hat dort eine kleine Plantage von Avocados eingerichtet und zeigt damit, dass diese Art hier gedeihen und gar fruchten kann. Carraro schenkte mir vor ca. acht Jahren drei kleine Pflanzen (siehe obigen Beitrag vom 5. bis 7. Juli).

Der Avocadobaum ist ein Lorbeergewächs und stammt aus Amerika, wo er ursprünglich von Mexiko bis Peru vorkam. Seine ölige Frucht, eine Beere, ist bei uns sehr beliebt. Die Pflanze ist teils selbstfruchtend und blüht jeweils tausendfach. Umso enttäuschender, dass es all die Jahre nicht zur Fruchtbildung kam. Letztes Jahr sahen wir dann an einer Pflanze drei Früchte, die später wieder verschwanden. Aber dieses Jahr scheint es zu klappen. Die Bäume waren wieder voller unscheinbarer Blüten, aber diesmal kam es zum Fruchten. Der grössere, nun sieben bis acht Meter hohe Baum trägt gut versteckt 16 Früchte, ein kleinerer deren drei. Wir freuen uns auf die Ernte.

• Zwei Jahrzehnte stand auf einer Cannero-Insel ein Baukran. Er wurde einmal von einem Sturm umgeknickt. Man sprach von einer geplanten Nutzung zu kommerziellen Zwecken mit einem Restaurant für Bootsfahrer, was aus Denkmalschutzgründen dann verworfen wurde. Am 28. Juni 2025 folgte nach drei Jahren intensiver Bautätigkeit die Eröffnung des Kultur- und Museumsortes für die Öffentlichkeit. Damit war es für mich Zeit, diese Insel zu besuchen, während bisher nur eine Inselumrundung mit dem Boot möglich war.

Die Castelli di Cannero gehören dem Adelsgeschlecht der Boromeo mit ihrem Unternehmen Terre Borromeo. Die ersten Anlagen auf den Cannero-Inseln entstanden im 13. und 14. Jahrhundert und wurden von einer Raubritterfamilie benutzt; 1414 wurden sie zerstört. Die Seefestung Rocca di Vitaliana wurde 1519 erbaut und wurde zum Bollwerk gegen die Eidgenossen erweitert. Später wurden die zwei Inseln dem Zerfall preisgegeben. Es galt nun vorerst, die Ruine statisch zu sichern. Dann wurde sie zum Freilichtmuseum eingerichtet, zum Museum seiner selbst, unter weitgehendem Verzicht auf Vitrinen etc.

Die heutige Inszenierung verläuft mit einer Wegführung über ein komplexes System von Stahltreppen, Plattformen, zwei Liften für Behinderte. Zusätzlich sind ein Kiosk und ein WC-Trakt eingebaut. Weiters soll es noch einen privaten Wohnteil für die Eigentümer geben. Man spricht von 15 Millionen Euro Baukosten. Die Insel kann gleichzeitig von maximal 50 Personen besucht werden. Abfahrten erfolgen von Cannero, Cannobio und Luino. Mit einem Autoguide auf dem Handy wird man durch die Anlage geführt. Die Besuchsdauer wird auf eine Stunde angesetzt. Die Infrastrukturen sind gut in die Burgruine integriert. Der individuelle Eintritt kostet für Erwachsene inklusive Bootsfahrt 26 Euro. Das Angebot ist für den lokalen und regionalen Tourismus eine Bereicherung.

Mario F. Broggi, 6.7.2026 / 10.8.2026